Wenn die Nächte länger werden
Es ist der Abend des 31. Oktober. In Irland erzählte man sich früher, dass in dieser Nacht die Grenze zwischen den Welten dünn wird. In Mexiko duftet es nach Studentenblumen und süßem Brot, auf den Hausaltären stehen Fotos und die Lieblingsspeisen der Verstorbenen. Und bei uns flackern in den nächsten Tagen Tausende Grablichter auf den Friedhöfen.
Vielleicht spürst du es auch: Diese Zeit hat etwas Eigenes. Etwas Stilles, manchmal Wehmütiges – und manchmal etwas, das sich kaum in Worte fassen lässt.
Bisher ging es hier vor allem um das Nervensystem, um alte Wachsamkeit und um die feinen Antennen hochsensitiver Menschen. Heute öffnen wir eine neue Tür. Dahinter wartet eine Frage, die fast jeder Mensch irgendwann still mit sich trägt: Was geschieht, wenn wir sterben? Und können die Menschen, die wir verloren haben, uns noch erreichen?
Im Internet findest du dazu unzählige Theorien, selbsternannte Botschafter und mindestens ebenso viele Begriffe. Wir machen es anders. Wir gehen gemeinsam auf eine kleine Forschungsreise – neugierig, offen und mit beiden Beinen auf dem Boden.
Eine Reise um die Welt – und überall dieselben Bilder
Unsere erste Station ist Japan. Zum Obon-Fest im Sommer kehren dort nach altem Glauben die Seelen der Ahnen für ein paar Tage nach Hause zurück. Zum Abschied setzen die Familien kleine Laternen aufs Wasser, die sie sanft zurückgeleiten sollen.
Etwa zur gleichen Zeit öffnen sich in China zum Geisterfest die Tore der Unterwelt. Man stellt Speisen bereit, entzündet Lichter und denkt an die Verstorbenen. In Indien kommen während der Pitru Paksha im September die Ahnen zu Besuch und werden mit Reisbällchen bewirtet. Und in Kambodscha gedenkt man beim Pchum Ben der Verstorbenen bis zu sieben Generationen zurück.
Dann Europa: Samhain bei den Kelten, Allerheiligen und Allerseelen bei uns. Auf der anderen Seite des Atlantiks der mexikanische Día de los Muertos.
Das darf man einen Moment wirken lassen. Völker, die jahrhundertelang nichts voneinander wussten, kommen zu denselben Bildern: Die Toten sind nicht einfach fort. Zu einer bestimmten Zeit kehren sie zurück. Man deckt ihnen den Tisch, man macht ihnen Licht.
Menschen auf allen Kontinenten haben offenbar ähnliche Erfahrungen gemacht und sie in ähnliche Bilder gefasst. Was könnten das für Erfahrungen gewesen sein? Genau hier wird es richtig spannend – denn heute lassen sie sich erforschen.
Was Menschen an der Schwelle erleben
Ein Herz bleibt stehen. Ärzte kämpfen um ein Leben, der Mensch auf dem Tisch ist nach allen Messwerten bewusstlos. Und doch erzählen manche hinterher von tiefem Frieden, von einem hellen Licht, von verstorbenen Angehörigen, die ihnen entgegenkamen.
Der niederländische Kardiologe Pim van Lommel wollte wissen, wie häufig das wirklich vorkommt. Er und sein Team befragten 344 Menschen, die nach einem Herzstillstand wiederbelebt worden waren. Fast jeder Fünfte berichtete von einer Nahtoderfahrung – unabhängig davon, wie lange der Herzstillstand dauerte, welche Medikamente gegeben wurden oder ob jemand vorher Angst vor dem Tod hatte. Die Studie erschien 2001 im „Lancet“, einer der angesehensten Medizinzeitschriften der Welt.
Gut zwanzig Jahre später ging ein Team um den Intensivmediziner Sam Parnia noch einen Schritt weiter. Es begleitete 567 Menschen mit Herzstillstand in Kliniken in den USA und Großbritannien und maß bei einem Teil sogar die Hirnströme während der Wiederbelebung. Rund vier von zehn Überlebenden erinnerten sich an ein bewusstes Erleben in dieser Zeit. Viele beschrieben, sich außerhalb ihres Körpers erlebt und ihr ganzes Leben noch einmal überblickt zu haben – eine sogenannte Lebensrückschau. Dieser Lebensrückschau werden wir übrigens gleich noch einmal begegnen – an einer Stelle, an der man sie kaum erwarten würde.
Wenn Verstorbene sich melden
Man muss nicht selbst an der Schwelle stehen, um etwas zu erleben. Viel häufiger sind es die Hinterbliebenen, die plötzlich spüren: Er ist da. Sie ist hier. Wir nennen das einen Nachtodkontakt.
1971 befragte der walisische Hausarzt Dewi Rees 293 verwitwete Menschen aus seiner Gegend. Fast die Hälfte hatte den verstorbenen Partner nach dessen Tod wahrgenommen – meist als spürbare Gegenwart, manchmal als Stimme, als Bild oder als Berührung. Sieben von zehn erlebten diesen Kontakt als hilfreich. Doch nur etwa jeder Vierte hatte jemals mit jemandem darüber gesprochen.
Spätere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Je nach Untersuchung erlebt etwa die Hälfte bis vier Fünftel aller Trauernden mindestens einmal die Gegenwart des Verstorbenen. Oft im Schlaf, oft als vertrauter Duft, oft als stilles inneres Wissen.
Erkennst du dich wieder?
Eine spürbare Präsenz, ein Duft, ein inneres Wissen oder ein Gefühl: Das sind genau die feinen Kanäle, über die hochsensitive Menschen auch im Alltag wahrnehmen. Vielleicht erklärt das, warum so viele Hochsensitive solche Erlebnisse kennen. Und vielleicht auch, warum so viele davon schweigen. Falls du dich gerade wiedererkennst: Du bist in großer Gesellschaft.

Was die alten Lehren schon wussten
Lange vor Herzmonitoren und Hirnstrommessungen haben spirituelle Lehrer beschrieben, was beim Sterben geschieht. Ihre Quellen waren eigene Beobachtungen und Überlieferungen. Umso erstaunlicher ist, wie gut ihre Beschreibungen zu den heutigen Berichten passen.
Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, sah den Menschen als vielschichtiges Wesen: physischer Körper, Ätherkörper, Astralkörper und das „Ich“. An der Stelle des Ich sprechen Theosophen wie Leadbeater vom Mentalkörper, dem Träger unseres Denkens. Unmittelbar nach dem Tod, so Steiner, breitet sich vor dem Menschen ein großes Erinnerungsbild seines ganzen Lebens aus. Er nannte es das Lebenstableau. Da ist sie also wieder, die Lebensrückschau – beschrieben Jahrzehnte, bevor die Nahtodforschung sie dokumentierte. Danach, so Steiner weiter, durchlebt die Seele ihr Leben noch einmal rückwärts und spürt dabei, was sie in anderen ausgelöst hat.
Charles W. Leadbeater, ein Theosoph, hat in Büchern wie „Das Jenseits“ oder „Der sichtbare und der unsichtbare Mensch“ den feinstofflichen Körper und die feinstoffliche Welt beschrieben. Ein Gedanke von ihm ist für uns besonders wertvoll: Die Verstorbenen nehmen uns weniger über unseren Körper wahr als über unsere Gefühle. Sie spüren, ob wir glücklich sind oder traurig – und zwar in vielfach verstärkter Form, denn ihr Astralkörper besteht gewissermaßen aus reinem Gefühl.
Noch älter sind die Bilder aus dem Osten, etwa aus der Sanskrit-Überlieferung oder dem Taoismus. Dort unterscheidet man zwischen dem groben, physischen Körper und einem feinstofflichen Körper, der den Tod überdauert und in die Welt der Ahnen weiterzieht.
Ganz verschiedene Überlieferungen, Tausende Kilometer und viele Jahrhunderte voneinander entfernt – und doch derselbe Kern: Der Mensch ist mehr als sein Körper.
Medialität: das feine Gespür, weitergedacht
Hier schließt sich ein Kreis. Wenn Leadbeater recht hat und Verstorbene vor allem über Gefühle wahrnehmen, dann ist die Gefühlsebene auch der Ort, an dem eine Begegnung möglich wird. Und genau dort sind hochsensitive Menschen ohnehin zuhause.
Medialität ist dabei nichts grundsätzlich anderes als Hochsensitivität, sondern eine sehr ausgeprägte Form davon. Derselbe feine Kanal, der Stimmungen oder Energien erfasst, kann manchmal auch die Gegenwart eines Menschen erfassen, der nicht mehr im grobstofflichen Körper lebt.
Zur Ehrlichkeit gehört allerdings auch: Nicht alles, was sich so anfühlt, ist mediale Wahrnehmung. Sehnsucht und Erinnerung können ähnliche Bilder malen. Wer auf diesem Gebiet forschen möchte, achtet deshalb am besten zuerst darauf, dass es ihm gerade gut geht und keine schweren emotionalen Anhaftungen an den Verstorbenen mehr bestehen. Idealerweise ist man mit ihm im Frieden, und seit seinem Tod sind bereits einige Jahre vergangen.
Ein weiterer Anhaltspunkt liegt im Körper. Feine Wahrnehmung fühlt sich meist ruhig, weit und sicher an, selbst wenn sie berührt. Alte Wachsamkeit oder noch nicht Integriertes fühlen sich dagegen eher eng und schwer an. Vor Kurzem Verstorbene können diese Enge und Schwere zusätzlich verstärken. Wenn der Gedanke an einen Verstorbenen in dir Berührtsein oder Liebe auslöst, ist das völlig in Ordnung.
Eine Einladung: ein Licht für die Verbindung – Übung zur Kontaktaufnahme mit Verstorbenen
Wenn du magst, kannst du diese besonderen Tage für eine kleine, behutsame Übung nutzen. Es geht nicht darum, etwas zu erzwingen. Es geht darum, einen sicheren Raum zu schaffen – für dich, für deine Erinnerung und vielleicht für eine Begegnung. Berücksichtige bitte zuvor den Hinweis aus dem vorherigen Abschnitt.
1. Sicher ankommen
Vielleicht suchst du dir einen Platz, an dem du dich wohl und ungestört fühlst. Eine Decke, ein warmes Getränk, eine Kerze – was immer dir guttut. Du kannst deine Füße auf dem Boden spüren und wahrnehmen, wie der Stuhl oder das Kissen dich trägt. Vielleicht lässt du deinen Blick einmal in Ruhe durch den Raum wandern und bemerkst ein paar Dinge, die dir vertraut sind.
Wenn es sich gut anfühlt, kannst du eine Hand auf dein Herz oder deinen Bauch legen und ein paar Atemzüge lang einfach bemerken: Ich bin hier. Mein Körper ist hier. Es ist gerade sicher.
2. Die Erinnerung einladen
Wenn es stimmig ist, kannst du an einen Menschen denken, der vorausgegangen ist. Ein Foto, ein Gegenstand oder einfach sein Name kann dabei helfen. Vielleicht magst du dich jetzt deinem Herzraum zuwenden und ihn ganz weit werden lassen. Du kannst dir dabei vorstellen, dass dein Herz liebevolle „Radiowellen“ aussendet, die den Vorausgegangenen erreichen. Wenn es dir hilft, kannst du dazu eine besonders schöne Erinnerung wachrufen, die dich berührt. Falls dabei Tränen kommen, ist das in Ordnung. Wichtig ist, dass du dich wohl und leicht fühlst. Vielleicht möchtest du ihm innerlich auch etwas sagen: einen Dank, einen Gruß oder etwas, das noch offen ist.
3. Lauschen
Dann darfst du still werden und wahrnehmen, was sich zeigt. Eine Wärme, ein Gefühl, ein Bild, ein Duft – oder auch gar nichts. Alles ist gleich wertvoll. Was kommt, darf einfach da sein, ohne dass du es festhalten oder deuten musst.
4. Sanft zurückkehren
Zum Abschluss kannst du dich innerlich verabschieden, vielleicht mit einem stillen Dank, und die Kerze bewusst auslöschen. Vielleicht spürst du noch einmal deine Füße, bewegst die Zehen, streckst dich ein wenig. Und vielleicht schaust du dich noch einmal bewusst im Raum um. So darf dein Körper wieder ganz im Hier und Jetzt ankommen.
Wenn du magst, kannst du danach ein paar Stichworte notieren: Was war da? Wo im Körper war es spürbar? Fühlte es sich eher weit oder eher eng an?
Du darfst jederzeit aufhören – mitten in der Übung, ohne jede Begründung. Die Füße auf dem Boden und der Blick in den Raum sind immer ein guter Weg zurück. Und falls alte, schwere Gefühle auftauchen, musst du damit nicht allein bleiben.
Häufige Fragen
Gibt es ein Leben nach dem Tod?
Wissenschaftlich ist das weder bewiesen noch widerlegt. Es gibt aber ernstzunehmende Hinweise: Menschen nach einem Herzstillstand berichten von Nahtoderfahrungen mit tiefem Frieden, Licht und einer Rückschau auf ihr ganzes Leben. Viele Trauernde erleben die Gegenwart ihrer Verstorbenen. Und alte Weisheitslehren beschreiben übereinstimmend einen feinstofflichen Körper, der den Tod überdauert. Jedes Indiz für sich ist kein Beweis, zusammen ergeben sie aber ein stimmiges Muster.
Wie häufig sind Nahtoderfahrungen?
In der Studie des Kardiologen Pim van Lommel, die 2001 im „Lancet“ erschien, berichtete knapp jeder Fünfte von 344 wiederbelebten Menschen von einer Nahtoderfahrung. In der neueren AWARE-II-Studie um Sam Parnia erinnerten sich rund vier von zehn Überlebenden an ein bewusstes Erleben während der Wiederbelebung.
Was ist der Astralkörper?
In der Anthroposophie und der Theosophie ist der Astralkörper der feinstoffliche Träger unserer Gefühle, neben physischem Körper, Ätherkörper und dem Mentalkörper. Nach dem Theosophen Charles W. Leadbeater besteht der Astralkörper Verstorbener gewissermaßen aus reinem Gefühl. Deshalb nehmen sie uns vor allem über unsere Gefühle wahr, und zwar in vielfach verstärkter Form.
Kann man mit Verstorbenen Kontakt aufnehmen?
Viele Menschen erleben einen solchen Kontakt, oft ganz von selbst. Der Hausarzt Dewi Rees fand 1971 heraus, dass fast die Hälfte der befragten Verwitweten ihren verstorbenen Partner wahrgenommen hatte, und sieben von zehn erlebten das als hilfreich. Der Weg führt dabei über Erinnerungen und Gefühle: Eine liebevolle Erinnerung, die dein Herz berührt, ist die Ebene, auf der eine Begegnung möglich wird. Wie du das behutsam und sicher ausprobieren kannst, zeigt die Übung „Ein Licht für die Verbindung“ in diesem Artikel.
Wie es weitergeht
Kulturen, die nichts voneinander wussten, erzählen dieselben Geschichten. Kliniken dokumentieren Erfahrungen, die sich mit Hirnchemie allein nur schwer erklären lassen. Und alte Weisheitslehren zeichnen ein erstaunlich stimmiges Bild. Jedes dieser Indizien ist für sich genommen kein Beweis. Zusammen aber ergeben sie ein Muster, das man nicht einfach beiseiteschieben muss.
Mit diesem Beitrag werfen wir auf Sensitiv-Verbunden einen ersten Blick in ein neues Kapitel: Medialität und feinstoffliche Welten. In den kommenden Beiträgen geht es unter anderem darum, wie sich Nachtodkontakte erkennen und einordnen lassen, wie man feine Wahrnehmung von Fantasie und alter Wachsamkeit unterscheiden kann und wie Erdung und ganzheitliche Traumaheilung dabei helfen, sich mit dieser Wahrnehmung sicher zu fühlen.
Bis dahin wünsche ich dir stille, lichtvolle Tage – und vielleicht den einen oder anderen Moment, in dem sich die Welt ein wenig durchlässiger anfühlt.
Wenn du dir Begleitung auf deinem Weg zur praktischen Medialität oder zur Traumaintegration wünschst, findest du mehr über mein Angebot auf sensitiv-verbunden.de, oder du schreibst mir einfach direkt.
Yul · Sensitiv-Verbunden
Quellen und weiterführende Literatur
Forschung
- van Lommel, P. et al. (2001): Near-death experience in survivors of cardiac arrest. The Lancet 358, 2039–2045. Zusammenfassung: EurekAlert
- Parnia, S. et al. (2023): AWAreness during REsuscitation – II. Resuscitation. Zusammenfassung: Elsevier-Pressemitteilung
- Rees, W. D. (1971): The Hallucinations of Widowhood. British Medical Journal 4, 37–41
Kulturgeschichte
Weisheitslehren
- Rudolf Steiner: GA 109, Vortrag über das Leben nach dem Tod und GA 95, Vortrag vom 24.08.1906; außerdem „Theosophie“ (GA 9)
- Charles W. Leadbeater: Die Astralebene (engl. Original); „Das Jenseits“; „Der sichtbare und der unsichtbare Mensch“ – Werkverzeichnis; Zusammenfassung seiner Sicht: Blavatsky Archives
- Britannica: Hun im Daoismus



